Interview mit Björn Sonnenberg (Locas in Love), 2011

Eine neue Aufbereitung eines Interviews mit Björn Sonnenberg von der Kölner Band Locas in Love anlässlich der Veröffentlichung von „Lemming“, das ich anno 2011 für mein damaliges Online-Fanzine ROCK FUCKER ROCK geführt habe.

Daniel Credo (Foto: Chris Gentner)

Daniel Credo, Foto: Chris Gentner 2011

Daniel Credo: Es gibt auf dem neuen Album „Lemming“ ja ein Wiedersehen mit dem Affen auf der Schulter aus dem Stück „Monkey“ vom Vorgängeralbum „Saurus“. Damals klang das alles noch ein bisschen klagend: „Es hört nicht auf, dass ich besessen bin“.

Jetzt im Stück „Una Questa“ dagegen singst Du „Mittlerweile lebe ich solange mit diesem Affen auf meiner Schulter, dass viele Leute uns verwechseln und ihn mit meinem Namen anreden. Aber es st schon in Ordnung, wir wollen doch beide nur leben“. Das klingt versöhnlich, so als würde man sich mit den Jahren damit arrangiert haben, mit all den Problemen und Macken, die man so mit sich herumträgt. Man lernt damit umzugehen und es auch irgendwie als Teil von sich zu akzeptieren.

Auf „Lemming“ habt ihr es weiter perfektioniert mit unschönen Begebenheiten, gleich welcher Art, nicht nur bloß zwangsläufig Leben zu müssen, sondern mit ihnen Leben zu KÖNNEN.
Das verdeutlich auch das Stück „Es ist alles wirklich so schlimm, wie es scheint“: Schlechtes erkennen und nüchtern betrachten. Nicht die Augen davor verschließen und sich selbst betrügen, das Schlechte aber auch nicht hochstilisieren. Das ist angenehm und in der Musiklandschaft ungewohnt. Ihr tretet damit deutlicher denn je in eine Lücke, die von anderen Musikern nicht oder nur unzureichend gefühlt wird. Eine Lücke zwischen Songs in denen alles perfekt und wunderschön ist und zwischen sich in negativen Dingen selbst ertränkenden Texten. „Ich lerne immer besser, dass es mir egal sein kann“ singst du z. B. in „Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen“. Habt ihr mit den Jahren also gelernt sich mit den Dingen zu arrangieren und ein Gleichgewicht ins Leben zu bringen?
Mit „Lemming“ liefert ihr vielleicht unwissentlich die Antwort, wie man sein Leben möglichst gut lebt.

Locas in Love - Lemming
Locas in Love

Björn Sonnenberg (links) und Locas in Love, 2011

Björn Sonnenberg: Wenn es uns wirklich gelungen wäre, Dinge festzustellen und zu singen, die so wahr sind, dass sie Dir wie Antworten erscheinen oder wie etwas, was wirkliche Lebensfragen klären kann, dann wäre das enorm.

Der Affe auf der Schulter ist eine sehr klassische Metapher, aber auch eine, die mir viel mehr am Herzen liegt als z. B. ‚Engelchen und Teufelchen‘, die oft eine etwas ähnliche Aufgabe zugewiesen bekommen. Mein erster Kontakt mit diesem Affen waren entweder Comics oder die Beatles mit dem weißen Album und es machte immer Sinn für mich, über diesen Affen zu schreiben, erstens natürlich um einen Umgang mit meinem eigenen Affen zu finden und dabei zweitens in diese Traditionslinie einzutreten.
Ich hatte auch bei nahezu sämtlichen anderen meiner Projekte Texte, in denen Affen auf Rücken sitzen, von den Dackel 5 bis zu Karpatenhund. Aber in der Tat verfolgen wir es mit den Locas am konsequentesten und diese Entwicklung ist auch wirklich da, wie dieser Affe und ich unser Zusammenleben führen. In „Una Questa“ und dieser Zeile, die du hervorhebst ist es in der Tat so, dass der Affe und ich bis zur Unkenntlichkeit miteinander verschmolzen sind.

Ich kopiere an dieser Stelle etwas ein, was ich 2007 fürs Intro-Magazin geschrieben habe, da sollte ich zu drei Songs von „Saurus“ eine Art Begleittext schreiben:
Der ‚Monkey On My Back‘ ist im Wörterbuch „a serious problem that will not go away (= a habit of using an illegal drug)“. Wir verhandeln hier die Besessenheit und das Gefühl von Heimsuchung, die man so mit sich herumschleppt und nicht los wird, egal wie weit die Gründe in der Vergangenheit liegen: Fehler, die man gemacht hat, Leute, die man schlecht behandelt hat, all die verpassten Gelegenheiten und Situationen, in denen man eigentlich gerne souveräner reagiert hätte, einen bessern Witz gemacht hätte, eine spritzigere Antwort gegeben und die man nun nicht mehr ändern kann. Und am Ende die Einsicht, daß man es nicht reparieren kann, aber der Blick nach hinten auch nichts hilft. Man bleibt für immer davon besessen, was man mit sich herumträgt – aber man kann damit leben. Das ’nicht-von-Sachen-wegkommen‘ und Besessenheit im Allgemeinen sind große Themen dieser Platte.

Es gibt einen Song vom Slime-Album „Viva La Muerte“ von 1994, das ich lange Zeit sehr viel im Walkman gehört habe, „Bruder“, wo etwas ähnliches passiert und im Text alles, was man an sich selber als schlecht, schlimm, störend erkennt auf den vermeintlichen Bruder geschoben wird. Wenn man immer weiter und weiter ausholen will, könnte man auch sagen, dass die Annahme, denen Freudianer folgen, dass man das menschliche Bewusstsein in Ich, Es und Über-Ich aufsplitten kann, an sich dasselbe ist. Es gibt Dinge an einem selber, mit denen man nicht einverstanden ist, wo man sich selber zusieht, wie man sich unmöglich benimmt und man vermag es dennoch nicht zu ändern. Und denen gibt man dann einen Namen: ‚Es‘, ‚Affe‘, ‚Teufelchen‘, ‚innerer Schweinehund‘, ‚my dark places‘. Aber eigentlich ist man es selber, für andere ist das nicht erkennbar, dass man das gar nicht wirklich selber ist, weil man doch eigentlich ganz anders ist und sie gerade mit dem Affen zu tun haben.

Grundsätzlich begreife ich es so: Je weiter man selber und dieser Affe voneinander entfernt sind, desto mehr zerrt es an einem und ist belastend und deformierend. Je näher man einander kommt, je friedlicher man sich arrangiert, umso mehr ruht man in sich. Denn man wird den Affen ja nicht los, er ist feste in einem installiert, alle Fehler und Charakterschwächen, die man hat, sind eben Teil von einem und nichts Externes, was man anlegen und abnehmen kann wie einen Hut oder einen angeklebten Bart. Diese Einsicht macht manches leichter, aber löst und erklärt nicht alles. Ich bin jetzt gerade an einem Punkt mit „Una Questa“, wo ich sozusagen feststelle: Everybody’s got something to hide except for me and my monkey.

Daniel Credo: Es fällt auf, dass es dieses Mal keine Texte mehr zum Thema ‚alte, teilweise ungeliebte Heimat verlassen oder wieder dahin zurückkehren gibt‘, was immer ein Thema von Dir war. Beispiele dafür finden sich zu Hauf in vergangenen Texten wie „Egal wie weit“ oder „Die Apokalypse erreicht Mühlacker“. Ist das also ein Thema, mit dem Du schlussendlich abgeschlossen hast?

Björn Sonnenberg: Das stimmt und das war es auch lange. Aber mit „Saurus“ und „Winter“ habe ich fürs erste einfach alles dazu gesagt, was ich dazu zu sagen hatte. Das Thema gibt viel her, diese fast magische Kraft der Erinnerung, das Zurückkehren an Orte der Vergangenheit wie eben z. B. die Stadt aus der man kommt, das eigene Elternhaus, alte Freundschaften. Im Moment scheint es mir, als sei ich mit dem Thema durch, Gott sei Dank. Privat und künstlerisch. Denn letztlich ist es auch begrenzt, auf wie viele Weisen man ein ambivalentes Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, den eigenen Wurzeln aufarbeiten kann, auf wie viele Weisen man Godzilla und die Apokalypse nach Mühlacker schicken kann. Ich glaube, wenn man damit nie abschließt und es nie gehen läßt, wird man auch ganz meschiggene und begibt sich in eine zersetzende Spirale, bei der man mit aller Kraft im Kreis läuft bis einem die Füße weh tun, um dann doch wieder am Startpunkt anzukommen. Ich mußte mich etwas anderem zuwenden und zu Erkenntnissen kommen, die ich nicht schon mehrfach ausformuliert hatte.

Daniel Credo: Generell scheint ihr das Vorgängeralbum „Saurus“ ja auch so zu sehen, wie es die Fans und die Presse sehen: Ein durchweg gutes Ding. Du hast selbst mehrmals gesagt, dass ihr mit „Saurus“, im Gegensatz zu eurem Debüt-Album „What Matters Is The Poem“, sehr zufrieden seid.


Björn Sonnenberg:
„Saurus“ war die erste Platte, auf der wir unsere Vision aus unseren Köpfen heraus auch in die Wirklichkeit geholt hatten. Deshalb waren wir damit zufrieden und hatten nie das Gefühl, da ’nochmal ran‘ zu müssen. Nichts ist hinderlicher für eine Kunst, als wenn man die alte Kunst nicht ganz hinbekommen hat und sie im Nachhinein gerne korrigieren würde; das bremst unheimlich aus. Insofern war „Saurus“ ein großer, nachhaltiger Moment der Zufriedenheit, natürlich nicht um es sich darauf bequem zu machen, sondern um sich danach etwas Neuem zuwenden zu können.

Letztlich stand „Saurus“ in einem ähnlichen Verhältnis zum ersten Album, zu „What Matters Is The Poem“, wie „Lemming“ zu „Saurus“ steht: beide sind ganz eng miteinander verzahnt, aber haben auch jeweils ein Eigenleben.

Daniel Credo: Der Name „Saurus“ scheint im Nachhinein also nahezu prophetisch zu sein: Etwas, das lange überdauert. Hast Du Angst, dass Locas in Love auf ewig auf dieses ‚Meisterwerk‘ reduziert werden und dass alles Neue immer an „Saurus“ gemessen werden wird? Diese Konkurrenz zwischen „Saurus“ und ‚dem neuen Album von den Typen die „Saurus“ gemacht haben‘ könnte für einige Menschen gegeben sein.

Locas in Love - Saurus

Björn Sonnenberg: Ja, ich empfand beim Schreiben von „Lemming“ manchmal einen gewissen Druck. Meine eigene Schreibe auf „Saurus“ empfand ich selber als das zum damaligen Zeitpunkt größtmögliche Level an Präzision und Aufrichtigkeit, zu dem ich in der Lage bin; und vieles, was dort und zuvor schon verhandelt wurde, wurde auch zu einem abschließenden Ergebnis gebracht. Nach „Egal wie weit“ gab es für mich nichts mehr über das Thema zu sagen, nach „Sachen“ gab es für mich keinen weiteren Grund mehr, einen derart ‚lebensnahen‘ Song in dieser Form zu schreiben. Ich wollte weder „Saurus 2“ noch den ‚Anti-Saurus‘ schreiben, sondern musste neue Themen finden, an denen ich mich abarbeite, eine neue Schreibe, wo ich mit derselben Präzision und Aufrichtigkeit schreibe, aber über andere Dinge, mit einer anderen Schreibe. Der Druck war also nicht so sehr der Druck, den ‚Hit‘ zu wiederholen, sondern der Druck, noch einmal etwas zu machen, was gut ist, was den eigenen Ansprüchen genügt, was genauso gut ist wie „Saurus“ aber nicht genau so ist wie „Saurus“.
Auf „Lemming“ geht es deshalb auch immer wieder um den Akt des Schreibens und die Frage, ob man überhaupt noch weiter schreiben soll und wenn ja warum, worüber und wie?

Die Tatsache, dass wir überhaupt etwas gemacht haben, was in den Augen von ein paar Leuten, in diesem Falle Dir, ein ‚Meisterwerk‘ ist, ist zunächst mal etwas Schönes und nichts, was wir als Bürde oder Einschränkung empfinden, sondern als ein Privileg.
Aber meine Wahrnehmung von uns selber, unserer Entwicklung und ganz konkret dem neuen Album ist, dass wir mit anderen (wenn auch teilweise sicher ähnlichen, weil eben den uns zur Verfügung stehenden) Mitteln, aber derselben Intensität und Aufrichtigkeit weitergeschrieben haben. Dass wir versucht haben, das Dilemma des ‚Meisterwerks‘ zu lösen, indem wir uns nicht ewig daran abarbeiten, nicht ewig versuchen, ‚dasselbe, aber leicht anders‘ oder ‚dasselbe, aber leicht besser/schlechter‘ zu machen.

Was das Vergleichen angeht, das kann man weder unterbinden noch befördern, es wird bei vielen, die es hören, automatisch passieren und bei vielen wird es keine Rolle spielen. Am Ende des Tages sind es elf neue Lieder, nicht mehr und nicht weniger. Man darf sich als Musiker auch nicht so überschätzen und glauben, dass jedes neue Album eine Art neues Testament, Vaterunser, Kommunistisches Manifest, „Guernica“, „Clockwork Orange“, „Psycho“ oder „White Album“ sei. Es ist doch nur Musik! Im Idealfall zählt für die Hörer nicht, welches Album nun das beste ist, sondern dass es immer mal wieder eine Platte mit neuen Liedern gibt.

Ich glaube auch, dass nicht nur der feste ‚Locas-Sound‘, sondern gerade die in diesem Sound stets enthaltene Entwicklung, die immer weiter geht, das ist, was auch die Leute gut finden, die uns hören. Ich halte „Lemming“ für den logischen, konsequenten Nachfolger von „Saurus“ und glaube, dass die Songs ihre Berechtigung haben. Dass manche bei „Saurus“ klebenbleiben werden finde ich in Ordnung; ich freue mich sehr, wenn Lieder, die ich vor so vielen Jahren geschrieben habe, noch immer eine Bedeutung für irgendwen haben.